Wanderung mit dem Enkel durch das historische Wien

Oder wozu Herbstferien auch gut sein können.

Am 4.11.11 bummelte  ich mit meinem Enkel durch ein Stück des historischen Wien. Nach einem Gang durch die Kärntnerstraße standen wir vor dem Stephansdom. Der Elfjährige war weniger interessiert an den historischen und künstlerischen Feinheiten der Kirche, sowohl außen als auch innen ( im Gegensatz zum Opa). Freude kam erst auf als wir den Südturm bestiegen. Über die dunkle Wendeltreppe stiegen wir flott empor, natürlich zählte er ganz gewissenhaft die Stufen und wunderte sich nicht wenig, als ich die 343 Stufen schon vorher richtig abschätzte (steht auf der Rückseite der Eintrittskarte). Der Turm ist bis 72 m begehbar, seine Gesamthöhe beträgt 136,4 m. Den Grundstein zum Bau legte 1359 Rudolf IV., gebaut wurde an ihm lange (75 Jahre). Er war der höchste Kirchturm der öst.ung. Monarchie, denn es durfte im ganzen Reich keine Kirche höher sein als der Wiener Stephansdom. Oben in der Türmerstube angekommen, hat man einen wunderbaren Ausblick in alle Himmelsrichtungen. 420 Jahre diente diese Türmerstube zur Frühwarnung eines Feuers und war Sitz einer Feuerwache. Diese wurde erst 1955 aufgegeben. Unser Interesse fand auch das “Starhemberg Bankerl”, es erinnert an den Kommandanten der Stadt Wien, Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg während der 2. Türkenbelagerung 1683. Er soll von dort aus die Bewegungen der feindlichen Truppen beobachtet haben. Die Turmbesteigung war für uns beide sicher ein Erlebnis.

Türmerstube

"Körperkünstler" auf der Kärntnerstraße

Wieder unten auf der Straße,  besuchten wir als nächstes das Auktionshaus Dorotheum in der Dorotheergasse. Wir verbrachten etliche Zeit mit dem Betrachten alter Münzen und Briefmarken, aber auch alte Möbel und Gemälde, die das Interesse meines jungen Begleiters erweckt hatten. Ganz wesentlich für ihn ( und auch für mich) war der angegebene Ausrufungspreis, der uns erst den Wert der einzelnen Gegenstände zeigte, im Gegensatz zu üblichen Ausstellungen und Museen und das alles noch bei freiem Eintritt. Leider fand an dem Tag keine Auktion statt, der wir beiwohnen konnten.

Das Dorotheum hat schon eine lange Tradition. 1707 gründete Kaiser Joseph I. das “Versatzamt zu Wien”, das Pfandgeschäfte und Zwangsversteigerungen abwickelte. Später erfolgte die Übersiedlung ins ehemalige Dorotheerkloster, davon stammt auch der Name. An der Stelle des alten Klosters erfolgte im Auftrag von Kaiser Franz Joseph der Neubau des Palais Dorotheum, das 1901 fertiggestellt wurde. Das Gebäude wurde im neoklassizistischen Stil errichtet. Heute ist es das größte Auktionshaus in Mitteleuropa und im deutschsprachigen Raum, hat viele Filialen im In- und Ausland und beschäftigt über 700 Mitarbeiter.

Wie fast jeder Junge ist auch er ein absoluter Fan von Mc Donald´s, sodass wir anschließend das Nächstliegende aufsuchten. Ihm schmeckte das Bestellte, aber auch mir- die chicken  Filets und Pommes waren echt vorzüglich!

Frisch gestärkt wanderten wir durch die Opernpassage und dann an unserer ” berühmten Staatsoper” vorbei. Das Haus hielt gerade “Mittagsschlaf”, war rundum fest verschlossen und eine Führung wäre erst Stunden später möglich gewesen. So konnte ich meinem Enkel halt nur das tragische Ende der beiden planenden und ausführenden Architekten erzählen. Das Opernhaus wurde von den berühmten Wiener Architekten August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll geplant und von 1861-1869 gebaut. Den Wienern hat das Bauwerk aber nicht gefallen, sie erwarteten einen noch eindrucksvolleren Prachtbau auf der Ringstraße  und bezeichneten den Bau als “versunkene Kiste” oder das “Königgrätz der Baukunst”. Nach Baubeginn wurde das Straßenniveau angehoben, was der Ansicht natürlich Schaden zufügte. Auch der Kaiser  kritisierte die Architekten. Die schlechten Kritiken trieben van der Nüll in den Selbstmord, sein Freund und Mitarchitekt Sicardsburg starb 2 Monate später an Herzinfarkt. Beide haben die Fertigstellung des Hauses nicht erlebt. Der Kaiser war vom Tode der beiden so ergriffen, dass er angeblich von da an später in künstlerischen Angelegenheiten nur den stereotypen Satz gebrauchte : “Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut”.

Wir wanderten weiter, vorbei am monumentalen Goethe Denkmal (1900 enthüllt) in den Burghof und weiter auf den Heldenplatz. Hier faszinierten uns die beiden gewaltigen Reiterdenkmäler Prinz Eugen (1865 enthüllt) und Erzherzog Karl (1860). Beide Figuren stammen von Anton Dominik Fernkorn. Beachtenswert beim Erzherzog Karl Denkmal ist die Ausbalanzierung der riesigen Figur: das Pferd steht nur auf  der kleinen Fläche seiner zwei Hinterbeine! Immerhin soll Pferd samt Reiter mindestens 20 Tonnen schwer sein. Sie kosteten dem Kaiser auch viel Geld (200 000 Gulden entspricht etwa 2 Mill. €). Die mächtigen Sockel, auf denen die gewaltigen Reiter stehen, stammen übrigens von van der Nüll, dem Erbauer der Oper (bei der Oper hat er den Sockel wohl vergessen oder er ist zumindest zu klein geraten).

Ein Blick Richtung Ballhausplatz zeigte uns, dass sowohl über dem Bundeskanzleramt als auch über der Präsidentschaftskanzlei die Fahnen wehten, die Herren also im Amt sind.

Wir aber spazierten weiter durch den Volksgarten, überquerten die Ringstraße und gingen die Auffahrtrampe zum Parlament hinauf. Das Gebäude ist im griech. röm. Stil erbaut nach den Plänen und unter der Aufsicht des dänischen Architekten Theophil Hansen. Die Grundsteinlegung war 1874, die Gleichenfeier 1879, die erste Sitzung des Reichsrates war 1883. Die vielen allegorischen Figuren und Reliefs überforderten meinen Junior und auch mich ziemlich.

Wir kehrten dem Hohen Hause alsbald den Rücken und wanderten durch den Rathaus Park vorbei an der schönen Fassade des Rathauses zur Universität. Vorher besuchten wir noch am Rathausplatz das Cafe Einstein (mehr ein Bierbeisl), wo wir unseren Durst löschten und dann nach einem Rundgang in der Aula der Universität in der nahe gelegenen  U-Bahnstation den nächsten Zug Richtung nach Hause nahmen. So glaube ich, haben wir beide den Herbstferientag gut genützt und freuen uns auf weitere.

Quellen: Walter Kleindel:Das grosse Buch der Österreicher, Kremayr&Scheriau, http://de.wikipedia.org/wiki/Stephansdom_(Wien http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_van_der_N%C3%BCll, http://de.wikipedia.org/wiki/Dorotheum, http://de.wikipedia.org/wiki/Heldenplatz http://www.viennatouristguide.at, www.parlament.gv.at

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